Absolution
 

Mein Name ist so bedeutunglos wie mein Leben. Nur in einen Fetzen Leinen gekleidet, streife ich durch die prächtige Stadt. Ich nehme die stummen Blicke nicht war, denn ich senkte meinen Blick bereits zu Beginn meiner Reise gen Boden. Pflastersteine und geschundene, nackte Füße waren das einzige, was ich erblickte.
Wie jeden Sonntag brach ich auf. Die Dämmerung an diesem Tag war das Zeichen meiner Buße. Ich riss meine Kleider von mir, hüllte mich in diesen Lumpen und verließ gesenkten Hauptes Haus, Frau und Kinder, um zur Kirche zu gehen. An keinem dieser Tage vergaß mein Weib, mich keifend ein Stück zu begleiten, doch irgendwann ließ sie ab von mir.
So war es auch vor wenigen Minuten. Damit begann das innerliche Ringen. Nie nahm ich den gleichen Weg zum Gotteshaus. Nie den direkten, den kürzesten oder den besten. Immer stehle ich mich durch dunkle Gassen, prächtige Viertel oder abgelegene Orte. Jedesmal kehre ich um und wende mich dann doch wieder gen Ziel.
So auch heute. Obwohl die Dunkelheit noch nicht das gesamte Licht des Tages verschlungen hat, ist der Andrang bereits groß. Eine lange Reihe schmächtiger, heruntergekommener Kreaturen windet sich vor mir die Treppe herab. Ihre Beschreitung ringt mir mit jeder Stufe größte Überwindung ab, doch jede Überwindung eine ungewohnte Freude. Eine Vorahnung. Ein Glücksgefühl.
Ich schaue niemanden ins Gesicht und halte, wie jeder andere hier, den Blick weiter gesenkt. Eine endlose Zeit und endlose Stufen später stehe ich vor dem Mann in der braunen Kutte. Wie so oft blickt er mich erwartungsvoll an. Meine rechte, zur Faust geballte, Hand sucht sich zitternd einen Weg aus meinem Umhang. Vorsichtig, doch nicht ohne Eile, umgreift er sie, drückt zwei Finger hinein und bricht meinen letzten Widerstand. Ein kleiner, zerknitterter Zettel erblickt die Dunkelheit der Nacht und die Augen des Bruders überfliegen ihn.
Er enthält all meine Sünden der letzten Woche. Auf ihm steht das Geständnis meiner Scham geschrieben, er umfaßt in wenigen Worten, wie ich jeden Tag meine Frau mehr gedrängt habe, wie ich sie unter meine Gier stellte und mich berauschen wollte. Und er zählt die Flüche, Verwünschungen und unziemlichen Gedanken auf, welche kamen, als mein Drängen mißlang.
Der Mann nickt mir zu. Es ist der erste, dem ich seid meinem Aufbruch ins Gesicht gesehen habe und langsam erhebt sich mein gesamter Blick. Durch das kleine Seitenschiff der Kirche trete ich in den prächtigen Bau ein.
Von allen Seiten dringen Bußgebete und Gnadengesuche an mein Ohr. Mir gegenüber steht eine kleine Ansammlung der Schlangenkreatur, dessen Teil ich vor wenigen Minuten ebendfalls war. Ihre stummen, hoffnungsvollen Gesichter widern mich an! Ja, ich bin hier hergekommen. Habe mich vor Scham gekrämt, habe Dinge getan und gedacht, die ich nicht tun und denken sollte. Doch noch bin ich keiner von diesen... diesen. Mir fällt keine passendes Wort für diesen Abschaum ein!
Ich laufe auf die Gruppe zu, stoße sie zur Seite und erreiche schnell das Tor direkt hinter ihnen. Ich reiße es auf und während noch die frische Nachtluft in meine Lunge dringt, verlasse ich diesen Ort. Doch zu meinem Verdruß war diese Flucht, nein – diese Lossagung, keine Besserung. Ich stehe auf dem Kirchenfriedhof und starre auf einen Stein hinab. Ich lese nicht, was auf ihm steht. Es interessiert mich nicht. Dieser Ort macht mich wütend! Ich nehme meinen Fetzen und werfe ihn auf das Grab vor mir. Tobend rase und springe ich, schreie meine Wut heraus. Plötzlich taucht vor mir ein Bruder auf. Ich schreie ihm ins Gesicht, dass ich nicht so bin, wie die da drinnen. Das ich besser bin. Das ich mich NICHT schäme. Ich schreie so laut, dass meine Ohren schmerzen, dass ich zittere und das mir der Schweiß ausbricht. Doch selbst als mir langsam die Stimme versagt, blicke ich nicht in mehr, als eine starre Mine. Immer wieder beschwöre ich ihn, jetzt schon krächzend, doch nichts. Nichts. Erst als ich erschöpft nach hinten torkle, mich abstütze, um nicht umzufallen, dann erst ändert sich seine Fratze. Ein Lachen ist das einzige was ihm entweicht! Ein lautes, höhnendes Lachen! Dann wendet er sich ab und geht.
Damit zerbricht die Auflehnung in mir. Ich suche meinen Lumpen, hülle mich darin ein und bewege mich wieder zum Eingang. In mir herrscht eine giererfüllte Leere und als ich wieder vor dem Bruder stehe, legt dieser mir mitfühlend seine Hand auf die Schulter. „Wir werden dir helfen“.
Ja, das werden sie. Daher komme ich jeden Sonntag. Man führt mich in einem Bußraum und ich knie mich hin. Nur wenige Augenblicke später, tritt die Schwester dazu. Ein kurzer Blick verrät mir, dass sie heute ein Korsett trägt, dass viel nackte Haut zeigt und wie immer alles ausstaffiert, was nur auszustaffieren ist.
Dieser Blick ist wie immer der Beginn. Die Lederriemen suchen sich einen Weg in mein Fleisch, mein Mund stöhnt Gnadengesuche und Bußgebete heraus und mein Geist sehnt sich nach mehr. Erst wenn zum letztenmal Boden und Schwester befleckt sind, erst wenn ich leer und befriedigt bin, dann erst werde ich nach Hause geschickt.
Dann verbringe ich wieder die Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern. Sehnet nach dem nächsten Sonntag, sehnet nach Absolution...