Der Schnäppchenjäger
 

Ein lautes, grelles Piepen reißt mich aus dem Schlaf. Instiktiv greift meine Hand nach dem Wecker, während meine Füße sich bereits aus dem Bett bewegen. Dies ist ein großartiger Tag. Ich habe vorgesorgt, es wird ein guter Tag, ein perfekter Tag!
Ich schüttele mühelos den Schlaf von mir, strecke und dehne mich ein wenig und begebe mich sofort in das Bad. Ein wenig kaltes Wasser ist alles, was ich benötige. Alles andere wäre Zeitverschwendung. Zeit ist mein Gegner und mein bester Freund. Jetzt ist sie mein Gegner. Daher verzichte ich auch auf das Frühstück. Das kann ich nachholen.
Kurz darauf verkündet ein leises Einrasten, dass sich die Wohnungstür hinter mir geschlossen hat. Ich finde mich problemlos in dem dunklen Gang vor mir zu Recht und verlasse das Haus. Prüfend analysiert mein Blick den Himmel. Dunkle Wolken bedecken ihn – gut - sehr gut! In wenigen Minuten wird es regnen! Ja! Die Tropfen werden sich wie nasse Ketten über die Stadt legen und mehr Menschen an ihre Häuser binden, als der bloße Wettlauf mit der Zeit es ermöglicht hätte. Der Tag wird perfekt. Ich weiß es!
Ich springe in mein Auto und fahre achtlos an. Kurz darauf schieben die Scheibenwischer die ersten Tropfen aus meiner Sicht und die Reifen tragen mich quer durch die Stadt. Mein Ziel liegt ein wenig außerhalb, im Gewerbegebiet. Es dauert nur ein paar Minuten und obwohl die Zeit mein Gegner ist, hat mein Verbündeter, der Regen, gut vorgesorgt. Ich muß mich nicht beeilen und verzichte auf allerlei geübten und häufig ausgeführte, angeblich gefährliche, Fahrmanöver. Fast schon gemütlich, doch mit gebotener Eile in der Ruhe, schiebt sich mein Wagen durch verschiedenste Gassen aus der Stadt hinaus.
Nur wenig später sehe ich mein Ziel deutlich vor mir – wie schön kann ein Supermarkt doch sein! Wie majestätisch er sich doch vor mir aufrichtet, dem Regen trotzt und fühlbar nach mir lechzt. Fast schon glaube ich, dass er mich aufsaugen will, mich verschlingen und in sich aufnehmen, nur um mich danach als noch glücklicheren Menschen wieder auszuspeien. Glücklich und infiziert von seiner Imposanz, welche mich wieder zurückziehen wird, auf das dieses Phänomen von neuem beginnt.
Doch will ich mich nicht in romantischen Gedanken verfangen. Wer die Romantik beiseite läßt, so wie natürlich ich das tue, hat einen Plan. Ein kleines Pergament, wie man früher sicher gesagt hätte, welches den Ablauf der eigenen Befriedigung enthält.
Ich lese ihn noch einmal, während ich in glücksbringender Nähe des Einganges parke, obwohl ich das Papier auswendig rezitieren kann. Dann falte ich es sorgfältig und verstaue es griffbereit in meiner Jackentasche.
Als ich das Auto verlasse, küssen mich die Regentropfen, als wollten sie mir zu diesem gelungenen Tage gratulieren, mich beglückwünschen und teil davon werden. Doch sie werden mir gar allzu aufdringlich und daher drücke ich mich an die Wand des Kolosses und betrete ihn – natürlich nicht ohne einen ausreichend großen Einkaufskorb.
Ein dummer Mensch – wovon es nur zuviele gibt – würde sofort auf das Objekt seiner Begierde stürmen, es achtlos erobern, es heraustragen und erst danach sich an seinem Glücke freuen. Doch ich stehe über solchen Pack! Ich stimuliere mich immer mehr, immer weiter, bis hin zum Höhepunkt – fast ein erotischer Akt. Aber nur fast. Das ist einfach besser! Viel besser!
Mit geschlossenen Augen bewege ich mich durch die langen Gänge. An meinen Seiten verstreichen die Errungenschaften der Menschheit, der Zivilisation und ich versuche ihrer würdig zu gedenken. Doch als mein erstes Ziel in Greifweite ist, als ich es in den Händen halte, abwäge, mit dem Augen verschlinge, wiege, messe, küsse, ja dann fehlt selbst mir – mir! - in solchem Augenblicke das würdige Gedenken. Schmerzlich kann ich es mir verzeihen, denn ich werde es nachholen, doch nun weiter!
Der Weg nährt sich nun langsam seinen Ziel, mein Korb ist bis zum Rand gefüllt mit Dingen, deren Herrlichkeit ich kaum zu beschreiben in der Lage bin. Wenn meine Blicke versuchen, sie zu erfassen, bekomme ich eine ehrfürchtige Gänsehaut. Unwillkürlich muß ich zittern, muß meine Lippen mit meiner Zunge anfeuchten, doch das ist vergeblich. Es ist unbeschreiblich.
Doch nun zu dem, was meinen Tag heute perfekt macht. Der letzte Schatz, der mir noch fehlt, der gefunden und erobert werden will. Nein, nicht erobert. Es ist etwas besonderes. Etwas heiliges – es will umsponnen und umgarnt werden. Ja, umworben gar! Ich bin würdig!
Langsam, ganz langsam und ohne all die anderen Waren, die vor dieser einen ihren Glanz verlieren, schleiche ich mich heran. Ehrfürchtig, fast schon kriechend, umrunde ich das Potest des Heiligen. Fast schon brennt mir ihr schöner Schein, ihr Anblick, diese wohlpropornierten Formen auf der Haut – ja sogar im Herzen. Meine Blicke umfassen es gierig, tasten sich herauf und wieder herab, versuchen zu erkennen, was unter der Verpackung steckt. Doch das genüg nicht, ich muß es berühren! Meine Hände umfassen alle Rundungen, sie tasten das herliche Material, den schönen Stoff, – ja sogar ein wenig des innersten Geheimnisses. Mein Gott – ein Meisterwerk!
Verächtlich entferne ich das Preisschild, das lieblos, oberflächlich, doch ein wenig duldsam und mit der gebotenen Sachlichkeit verkündet: Mensch – weiblich – 1,75m. 45kg. 18 Jahre. 90-60-90. 3 Jahre Garantie.
Es ist mir einfach unverständlich, wie in diesem Herz der Zivilisation sich noch ein Platz für solche Kühle und Verachtung findet. Bei mir wird die Ware glücklicher sein. Ich packe sie behutsam ein und genieße das unglaubliche Glücksgefühl, welches mich noch die nächsten Tage an dieses Schnäppchen erinnern wird...