Grausam
 

"Ich habe Angst".
Das waren nicht die Worte des geliebten, von einem Kuss begleiteten, Guten-Morgen-Rituals. Sie waren verwirrend, krochen in den Körper und durchfluteten uns mit Kälte. Diese Worte liessen uns im Inneren und Äußeren erzittern und ergoßen einen Schwall der Angst über jeden Anwesenden.
Der Blick aus dem Fenster offenbarte einen Notarztwagen. Nichts besonderes. Schon oft gesehen. Nie vor dem eigenen Haus.
Eine Etage höher waren 2 Kinder. Sie waren Besucher, Urlauber. Ihre Mutter stand draußen. Hatte Angst. Ihr Vater schlief. Sie sahen Schneewittchen.
Wieder ein Blick aus dem Fenster. Da stand sie. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Mit geräderten Augen. Mit verzweifelten Gesicht...
Von der Seite trat der Notarzt an sie heran. Er wolle sich nur kurz mit Ihr unterhalten. Wie alles passiert ist. Wie es weitergehen soll...
Minutenlang nur eine Antwort. Ein einzelnen, wiederkehrenden Schrei. Verhallend im eigenen Schluchzen, verzweifelnd im eigenen Sein. "Nein"..
Sie flieht vor dem Arzt. Vor der Zukunft. Ein paar Meter über den Hof. In die Ecke, wo das Kaninchen steht. Es kann ihr nicht helfen...
Der Sohn, 3, überhäuft uns mit Fragen. "Schläft Papa noch" ?
Die Tocher, 10, tut so, als wäre er schon öfters gestorben.
Der Arzt lobt die neuverklingerte Hauswand.
Menschen sitzen verstört am Esstisch.
Niemand isst.
"Nein"