Leibgericht
 

Ein tiefes Dunkel umgab mich, als ich die Augen öffnete. Langsam, nur sehr langsam erwachte mein Geist und nahm mehr und mehr die Umgebung war. Lieblos stieß mich meine Frau in die Seite und brummelte, ich möge doch endlich aufstehen und zur Tür gehen. „Eine Ungeheuerlichkeit ist es, uns rechtschaffene Bürger mitten in der Nacht zu stören! Geh hin und weise ihn zurecht!“ rief sie halb schlafend, doch mit wütenden Unterton.
So tastete ich nach der Kerze auf dem Schlaftisch und kroch aus dem Bett. Die kalte Luft jagte mir sofort das Zittern in die Glieder – doch es half nichts. Ehe der Ruhestörer nicht vertrieben war, konnte ich nicht zurück. Dafür würde meine Frau schon sorgen.
Not.... nein, eher fraugedrungen machte ich mich auf den Weg, unserer Ruhezimmer zu verlassen. Doch das war einfacher gesagt, denn getan. Meine Augen suchten genauso verzweifelt wie meine Hände nach einen Anhaltspunkt, nach Orientierung und Geleit. Stolpernd, ungeschickt taumelte ich in die Richtung, in der ich die Tür vermutete und tatsächlich war mein Bemühen von Erfolg gekrönt.
„Was treibst du da? Muss ich erst wieder selbst aufstehen und dem Klopfer ordentlich eine drauf haun?“ keifte das Ehemonster. Dabei war ich mir sicher, dass sie dabei durchaus noch zu schlafen im Stande war. Egal ob im Reich der Nacht oder am helligten Tag – sie fand immer eine Anzahl an Gründen unzufrieden zu sein. Und ihr Temperament und ihr Wortschatz zwangen sie geradezu, dem Ausdruck zu verleihen.
Um meiner Ruhe willen trat ich hinaus in den Flur und eilte zur Tür. Dabei beschwor ich mit leisen Worten den Störer - „Mein Herr, ich eile – war nur im Schlaf versunken. So hören sie doch auf, die Türe zu schlagen! Ich bin schon auf dem Weg! Sie wecken noch das ganze Haus.“
Nun ja, das Haus vielleicht – meinen Sohn wohl aber nicht. Wie nicht anders erwartet, lag er inmitten des Flures und schlief. So tief, dass ihm vermutlich nur der Duft von Bier erwecken könnte, um ihn damit wieder zurück in den Schlaf zu schicken. Schon lange habe ich aufgehört, ihn zu belehren, aber es half nichts.
Daher schob ich seine ausgestreckten Glieder nur zur Seite und erst dann fiel mir auf, dass ich völlig unnütz die Kerze des Schlafzimmers mit mir herum trug. Hätte ich sie angezündet, hätte sie mir gute Dienste leisten können. Aber mittlerweile hatten sich meine Augen gut an die Dunkelheit gewöhnt und ich warf sie achtlos in die selbe Ecke, in der die Glieder meines Sohnes nun ruhten.
Ein neues Klopfen riss mich aus dem Gedanken. Schnell sperrte ich die Tür auf und öffnte sie einen Spalt – damit die kalte Wintersluft nicht allzu schnell in das Haus einzudringen vermochte. Doch ehe ich mich versah, drückt ein Fuß den Spalt auf und eine starke Hand öffnete die Tür und fegte mich in den Flur hinein.
Als ich aufschaute, was leider nötig ist, da ich den Halt verlor, erkenne ich die Umrisse eines großen Mannes. Er schien einen Umhang und einen spitzen Hut zu tragen. Vermutlich sogar feine Lederstiefel. Eingeschüchtert von dieser Erscheinung und gelähmt von den eindringenden eisigen Bedingungen starrte ich ihn an.
Als ihm das Warten auf den gebührenden Gruß zu lang wurde – sprach er von selbst. Er hatte eine tiefe sonore Stimme, welche, obwohl sie gehetzt ertönt, ebenso ehrerbietig war.
„Euer Fürst läßt euch eine Depesche mit folgenden Inhalt überbringen:“ - eine kurze Pause und ein Räuspern folgte. Sofort schlug seine Stimme in einen tiefen, gebieterischen Bass um.
„Werter Untertan, ich habe von euch schon viel Kunde vernommen und erbitte daher euer Leibgericht“.
Die folgenden schattenhaften Bewegungen liessen mich vermuten, dass die Depesche in einer Tasche verschwindet. Wo immer sie auch her gekommen sein mag. Vielleicht trug er sie die ganze Zeit in der Hand? Wie konnte er sie in diesem Dunkel überhaupt lesen? Hatte er sie auswendig gelernt?
Ein aufdringliches Räuspern riss mich aus den Gedanken. Mit den Worten „Der Herr wartet“ wies er gen Tür. Obwohl mir der Schnee dort draußen bis zu den Knien reichen müsste, überlegte ich keinen Augenblick, meine Kleidung zu wechseln. Ich war froh einen Vorwand zu haben, eine Weile dieses Haus zu verlassen. Und so raffte ich mich auf und ging nach draußen.
Ein wenig Abseits meines Hauses stand ein Gespann. Ich sah den Boten fragend an und er nickte nur. So ging ich denn zur Kutsche und bestieg sie. Den Boten ließ ich allein in meinem Haus. Sollte er es von mir aus behalten.
Doch bevor ich mir ausmalen konnte, welch Schrecken ihn noch erwarten würden, wurde ich in die Sitze gedrückt. Der Kutscher schien nur so zu rasen, als hinge sein Leben davon ab. Es war also ein guter Gedanke, sofort hinaus zu eilen. Und würde sich der Herr darüber erzürnen, in welchen schändlicher Bekleidung ich für ihn koche, so wird er diesen Umstand in Anbetracht der Eile verzeihen können müssen.
Die Eile schien sogar unaussprechlich – an mir raste die Dunkelheit so schnell vorbei, dass ich sie nicht mehr wahrnehmen konnte. Es war alles ein schwarzer Morast – egal!
Ich werde sofort in die Küche laufen, ein paar Mägde aufscheuchen und ein wahres Meistergericht bereiten! Der Tatendrang ergriff mich, das Zittern fiel von mir ab und eine angenehme Wärme durchfloss meinen Körper. Wunderbar! Wunderbar! Und wer weiß – wenn es ihm schmeckt, dann werden die Mägde gar nicht umherkommen, mich zu bewundern. Bestimmt ist unter ihnen auch noch eine junge, schöne, unverbrauchte... HALT.
Jäh zerriss das Band der Begeisterung, welches mich umwob. Es gab ein Problem. Ein großes Problem. Was soll ich ihm denn servieren? Die Depesche verlautete mein Leibgericht. Doch was ist, wenn es ihm nicht schmeckt? Wird er mich dann einsperren? Oder noch schlimmer: zurückschicken?
Die Kutsche stoppte, doch die Dunkelheit blieb. Einzig und allein die stolze Mächtigkeit der Burg konnte ich spüren. Deutlich vernahm mein Herz, wie wir die hohen, erhabenen Mauern durchfuhren. Der Posten hatte uns also durch gewunken. Man wollte also keine Zeit verlieren.
Doch ich will nicht zu viel riskieren. Schnell sprang ich aus dem Wagen und fragte dem Kutscher nach dem Weg zur Küche. Er deutete in eine Richtung, in der Dunkelheit lag und fuhr seines Weges. Er schien es mir nicht zu verübeln, dass ich nicht das Ende der Fahrt abwartete, sondern einfach aus der Kutsche sprang.
Ich lief also in die Richtung, in die der Kutscher gezeigt hatte und schon nach kurzer Zeit fand ich eine kleine Tür. Davor standen 2 Wachen – so vermutete ich. Da sie vollständig in schwarz gekleidet waren, konnte ich sie kaum wahrnehmen. Ich fragte sie, ob dies die Küche sei und beide nickten im Einklang stumm.
Dann platzte es aus mir heraus und ich schilderte ihnen meinen prekäre Situation. Ich sollte dem Herrn mein Leibgericht kochen und wusste gar nicht, was dieser mochte. Es war eine Schande, seinen Herren so schlecht zu kennen. Ich schüttete ihnen mein Herz aus, doch sie blieben stumm. Vielleicht begriffen sie es nicht? Meine letzte Hoffnung war die direkte Frage nach dem Leibgericht des Herrn. Sie sahen sich stumm an und brachen dann in schallendes Gelächter aus – so, als hätte ich ihnen einen besonders unfassbaren Witz erzählt. So, als sei ich Harlekin oder ähnliches. Ihr Hohn brach sich an den Mauern und erbrach sie über mich. Wie demütigend!
Mir blieb also keine andere Wahl als alles zu riskieren und so stürmte ich an den sich biegenden Wachen vorbei – hinein in die Küche. Ein Ort – egal wo er sich befindet – der Ruhe. Mein Heim. Mein Tempel. Hier findet meine Seele ihr Heil.
Doch was war das? „Wer sind sie“ fragte ich einen Mann, der nahe eines Kessels stand und dessen Inhalt rührte. Überrascht, doch bedächtig, drehte er sich um. Das Licht der Flammen, die den Kessel heizen, tanzt in seinem Gesicht und leckt die vielen Narben, die er dort versammelt hatte.
„Ich bin der Koch“, brachte er abgehackt hervor und jedes dieser Worte verwirrte mich umso mehr.
„Das muss ein Missverständnis sein – ich bin der Koch“.
Er seufzte so, als hätte er es schon tausendmal gehört.
„Nein, ich bin es. Schon seid Jahrzehnten. Und daran wird sich auch nichts ändern“.
„Aber der Herr schickte einen Boten mit einer Depesche zu mir. Man brachte mich hierher, damit ich mein Leibgericht dem Herr gereiche“.
Wieder seufzte er, als wäre er dem Ganzen überdrüssig.
„Nein, das ist ein Missverständnis. Er möchte nicht euer Leibgericht, sondern euren Laib als Gericht“.