Todes-Liebe
 

So lag ich nun auf meinem Bette. Nackt und Einsam. Der unbekannte Typ, der sich soeben noch mit meinem Leib vergnügte, ist längst verschwunden. Er ist sich nicht einmal meines Namens bewusst. - Aileen - Soll dies alles in deinem Leben sein? Ist dies alles, was es zu bieten hat? Von selbst ernannten Freunden zu irgendwelchen Partys geschliffen zu werden, mit lächelndem Gesicht, mit weinender Seele, um dort mit irgendwelchen Kerlen im Bett zu enden, damit ich zu ihnen gehöre? Das kann nicht alles sein! Das darf es nicht!
Und so spannte ich die schlaffen Muskeln, um meinen Körper zu erheben. Ich sah mich um. Erst jetzt erscheint mir dieser Ort in seinem faden Glanz. Erst jetzt sehe ich alles um mich herum. Als ich das Zimmer betrat, halb gehend, halb gezogen, war es, als wohnte mein Geist nicht mehr in diesem Körper. Er floh zu einem anderen Ort, das Grauen nicht zu ertragen. Er sah nicht, die widerwärtigen, zugekifften Typen... spürte sie nicht auf sich oder gar in sich... er war einfach weg an einem besseren Ort...

Ich lag erneut auf meinem Bette. Von Einsamkeit umgeben und erfüllt, sahen die Augen aus dem einstmals stolzen Haupt stumm aus dem Fenster. Ihr schwacher Blick zerriß nur mit Mühe den Mantel der Nacht und ich spürte den Drang sie zu schließen und nie wieder zu öffnen. "Was war ich"? Diese Frage hämmerte quälend durch meinen Schädel. Ich, Torsten, voll gesprochen mit Größe und Anmut. Macht und Offenbarung. Poetischer Geist nach ewig währender Erkenntnis suchend, sollte in mir wohnen. Tiefste Gefühle, höchste Handlungen, letzte Wahrheitserkenntnis wurden an mir bewundert. Doch niemand sah, welch Preis ich für diese Illusionen zu zahlen hatte! Niemand spürte den Schmerz, der morgens meine Glieder lähmte und abends meinen Leib niederstreckte. Niemand sah und fühlte, den längst verlorenen Krieg in meinem Kopfe. Niemand verstand meine Worte, egal in welcher Form ich sie offenbarte. Niemand spürte diese unendliche Einsamkeit, die den Geist benebelte und ihn in die Ohnmacht trieb. Und niemand war hier, um mir sie zu nehmen. Und so lies ich meinen Geiste entschwinden, zu einem besseren Orte fernab von hier....

Doch ich musste meinen Geiste wiederholen! Ich lebte hier und jetzt! Wenn man dies überhaupt so nennen konnte! Und so riss ich den Körper aus seiner Starre um zu verschwinden. Auf einmal war mir egal, was alle von mir dachten. Es war egal, was sie hinter meinen Rücken tuschelten oder gegen mich planten, weil ich ihre so großzügige Hilfe derart missbrauchte! Es war einfach alles egal! Als ich die Tür öffnete, schlug mir ein süßlicher Geruch entgegen, der sich fahl über meine Lunge legte. Festen Schrittes stieg ich die Treppe hinab, während laute Techno-Musik gegen mein Trommelfell hämmerte. "Nur noch raus hier" waren meine Gedanken. Weit weg. Unendlich weit weg! Ich drängte mich durch die sich im Takt bewegenden Massen, ignorierte alle dummen Sprüche von der Seite, schlug meiner "Freundin" ihr Glas Bier aus der Hand, als sie mir den Weg versperrte und schubste mit aller Kraft den überraschten Kerl neben ihr weg, der mich lüstern an sah. Langsam, von der Masse hin und her gewogen, doch immer zielstrebig, bewegte ich mich zum Ausgang. Ich hörte schon lange nicht mehr die wütenden Schreie meiner "Freundin" und spürte nicht mehr die Blicke des verwunderten Typen, der kurzer Hand Bekanntschaft mit meiner Faust machte.
Und dann war es geschafft! Ich stieß laut keuchend die Türe nach draußen auf! Sofort strömte kalte nebelige Luft in meine Lunge und mein Kopf erklarte wie auf Schlag. Und mit ebensolchen Schlag durchschoss mein ganzes bisheriges Leben durch mein Kopf und mit Selbsthass sah ich, was ich tat oder besser gesagt, über mich ergehen lies! Nur dieser abgrundtiefe Hass erfüllte mich noch und für einen kurzen Augenblick körperlicher Starre entschwand mein Geist ein weiteres mal...

Doch ein stechender Schmerz wirkte wie ein Anker, der meinen vielgerühmten Geist zurückholte in das, was jene, die die Wahrheit fürchten, als Realität bezeichnen. Der Schmerz, verhasst und geliebt zu gleich, ging von einer kleinen Wunde an meiner Hand aus. Mit längst gewohnter Neugierde betrachtete ich den kleinen Rinnsal frischen Lebensquell und genoß die Wärme, die er auf der alten Haut verbreitete. Ein innerlicher Drang packte mich! Ich wollte mich erheben wider aller Hindernisse, wollte die geistige Erstarrung sprengen und aus der Nicht-Existenz in genau diese Eintauchen!
Ein kleines Messer lag neben meinem Bette. An ihm krustete alter Lebenssaft. So lange ist das letzte mal her. So lange schon hab ich mich nicht mehr gespürt. So lange schon kein Portal geöffnet, durch das mein Geiste fliehen kann! Und in wogendem Verlangen ergriff ich die kalte Klinge und führte sie ganz langsam und genussvoll über meinen Arm. Nur ein kleiner Schnitt, nicht mehr, war mein Begehr! Und ich nahm die Klinge und mit einem lauten Aufschrei schmiss ich sie weit weg! "Nimmer mehr mögest du in unmenschlichen Verlangen meine Geisel sein!" schrie ich und wiederholte diese Schreie, bis meine Stimme langsam verklang und die Heiserkeit meiner Kehle erneuten Schmerz mit sich brachte!
Meine Gedanken überstürzten sich! Wollte sie wiederholen! Wollte mich entschuldigen! Wahn!
Nein, ich musste hier entschwinden! Muss fernab von diesem Ort der Trauer sein, wo doch auch jeder andere Ort voll Trauer ist! Ich kann ihr nicht entkommen! Doch ich brauchte Zerstreuung! Hastigen Schrittes ergriff ich meinen Ledermantel und warf ihn mir über, während meine Füße mich bereits zur Tür getragen hatten! In nicht gewohnter Unbeholfenheit öffnete ich sie und setzte voller Erleichterung einen Schritt nach draußen. Es war dunkel, kühl und nebelig. Die kalte Luft tat mir gut. Ich genoss es, wie sie seicht und doch beständig durch mein langes Haar strich und auf meinen Mantel kleine Falten aufwarf. Und im kurzen Augenblick vollendeten Genusses lies ich meinen Geiste ein weiteres mal entgleiten....

Ein Frösteln, rauh und eisig, überlief meinen Körper und riss mich aus der Gedankenlosigkeit. Ich war geflohen vor all den Illusionen, doch noch war ich ihnen nicht entkommen. Ein letztes mal sah ich mich um.
Aus der großen Masse blitzten nur ab und zu ein paar Gliedmaßen hervor, ansonsten war sie stumm und unachtsam. Ich stand fernab von ihr, hier an diesen Orte, wo der kalte Abendwind die naßgeschwitze Haut trocken bläst. Und während ich diese graue, amöboite Masse so betrachtete, verabschiedete ich mich im Geiste von diesen "Leben".
Nun war die Zeit gekommen und ich drehte mich um und lief. Schon bald hörte ich meinen Atem keuchen und stocken, doch ich wollte nicht stoppen. Starr und Gefühllos setzte sich ein Bein vor das andere und trug mich immer weiter fort von diesen Ort. Ich wusste nicht wo diese Flucht enden würde, doch es war mir egal. Das Ziel würde auf alle Fälle besser sein, als alles bisherige! Und so lief ich weiter, bis meine schmerzenden Gliedmaßen ihren Dienst versagten.
Schnell und ohne lange Verweildauer strömte die kalte Luft tief in meine Lunge und legte sich wie ein Schleier über meine glühende Haut. Ein stummer Blick umher eröffnete mir meine neue Umgebung. Ein Friedhof!
Welch Ironie, dass mein Lebensneubeginn an seiner letzten Station beginnen sollte. Doch es beunruhige mich in keinster Weise und ich setzte mich auf eine kleine, dreckige, vom Nebel durchfeuchtete Bank und genoss die Ruhe. Meine Blicke suchten nach einem Punkt, an dem sie sich festkrallen konnten und zu dem meine Gedanken hinwandern konnten, denn ich spürte nun die mir noch nie bewussten Folgen meines nun vergangenen Lebens. Mein Punkt war ein Schatten, der dunkler war als alles andere und meine Gedanken kreisten um mein Verlangen. Mein Körper vermißte die vielen Drogen, doch egal wie sehr er sich nach einem Joint, einer Flasche Bier oder nur einer winzigen Zigarette sehnte, mein Geist unterdrückte all dies. Oder sollte ich besser sagen, dass er sich dem nun endlich entsagte? Und so kauerte ich mich auf meiner kleinen dreckigen Bank einsam zusammen und meine Blicke krallten sich an dieser Schwärze fest....

Mein Körper hatte mich auch ohne meinen Geist an den Ort getragen, wo ich normalerweise nach Ruhe suchte. Erst vor ein paar Minuten erreichte ich diesen Friedhof, der in all seiner Abgeschiedenheit die Ruhe mit sich brachte, die ich so dringend brauchte.
Ich wanderte ganz langsam über den alten Weg, lauschte dem knirschendem Sand unter meinen dicken, schweren Schuhen und lies etwas Efeu zwischen meinen Fingern gleiten. Hier, zwischen all den Toten fand ich neuen Lebenswillen und so manche Nacht verweilte ich hier in Einsamkeit. Mein Platz war hier oben, auf einer alten Krypta, die efeuumrankt in der Mitte des letzten Ruheortes stand. Von hier aus lies ich meine Blicke schweifen und starrte in die Dunkelheit fernab der schwachbeleuchteten Wege.
Noch vor wenigen Minuten widmete ich meine Konzentration ein paar Schürfwunden, die ich mir beim erklimmen meines Platzes zu gezogen hatte, doch dann wurde ich abgelenkt. Ein seltsamer Anblick bot sich mir, als plötzlich dieses Mädchen an diesem meinem Ort auftauchte. Ihre zarten, lieblichen Körperformen waren in einen engen Lackbody geschlossen und bildeten ein gar verführerischen Anblick. Für einen Augenblick glaubte ich etwas körperliche Erregung zu verspüren, doch ich täuschte mich. Dem hatte ich schon lange entsagt. Aber ihr Anblick faszinierte mich wider meinen Willen. Ich sah sie noch immer nach Luft ringend auf einer alten Parkbank zusammengekauert sitzen und betrachtete sie eingehend.
Ihr fesselnder Körper zitterte, doch es schien mir, als ob nicht die Kälte der Nacht der Grund dafür sei. Ihr Blick haftete an mir, doch ich zweifelte. Niemand von ihnen sah mich.... wollte mich sehen... doch sie erschien mir nicht, wie sie...
Meine Gedanken erklommen wild die alten Höhen und schwirrten um sie. Wer war sie? WAS war sie? Welch Wesen erscheint so Widersprüchlich und doch so klar? Ich versuchte mir vorzustellen, was sie hierher trieb, wollte wissen, was sie hier hält? Nahm sie mich so sehr in ihren Bann, dass ich sie liebte? Unmöglich! Ich kann nicht mehr lieben... Will nicht mehr wissen, was das ist... Doch die Stunden wirrer Gedankenbahnen vergingen und der Bann blieb ungebrochen! Und so riss mein Geist den alten Körper empor und lies ihn anmutend von seinem alten Platze in die Tiefe springen. Ich zerriss den Schleier der Nacht und trat nun langsam auf sie zu, von ihren grünen Augen, die so leidvoll dreinblickten, gezogen.....

Nach Stunden innerlichen Krieges schien mir selbst mein letzter Halt verloren zu gehen. Mein kleiner schwarzer Punkt erwachte urplötzlich zum Leben und trat Manifestiert als angsteinflössendes und doch so vertraut erscheinendes Wesen auf mich zu. War dies nur eine Auswirkung der vermißten Drogen? Formte dies der Wahn, der sich wie ein Nebel auf mein schmerzendes Hirn legte? Nein! Es war echt!
Seine tiefblauen Augen starrten mich an und ich glaubte zu fühlen, wie er mich durchleuchtete! Angsterfüllt richtete ich mich auf und im Versuch vor ihm zurück zu weichen traf ich auf die Rückenlehne meiner schäbigen Bank. Schnell umher zuckend musterten meine Augen seine ganze Erscheinung. Seine langen blonden Haare, mit denen der Wind leicht spielte, verdeckten sein ganzes Gesicht und versperrten das bisschen Licht dem Weg zu seinen Zügen. Nur seine Augen, die in dem gesenkten Haupt saßen, waren zu erkennen. Ihr Blick so messer scharf, vom Leben gezeichnet, sofort erkennend! Der Rest seines Körpers war von gebrochener Gestalt. Seine Arme hingen schlaff hinunter und liesen sich von den ermatteten Bewegen ruhig dahin tragen. Sein Schritt schliff über den Boden und schien doch ein jedesmal wie ein festes Aufstampfen zu sein, obwohl nicht mehr als das leise Knirschen des Sandes zu hören war. Die Gestalt war von schwarzen Sachen umhüllt, die jegliche Körperform verbarg und doch liessen sie soviele Narben erahnen. Und noch ehe ich ihn ganz erfassen konnte, stand er schon vor mir!
Scheinbar von meinen Augen gebannt, kniete er sich vor mich und starrte unverholen in meine Augen. Doch die Angst, die mich erfaßte schien ich nicht zu spüren. Sein Blick schien mich zu durchqueren und nach meiner Seele zu suchen.
Er blickte nicht in meinen Ausschnitt, so wie jeder andere es getan hätte. Die Augen ergötzten sich auch nicht an meinen Körperformen. Sie sahen in das Schlüsselloch meiner Seele. Und ich fühlte eine stumme Vertrautheit, ja sogar Verbundenheit mit ihm!
Ohnmächtig spürte ich, wie sich mein Arm ohne meinen Willen langsam erhob. Ich wollte ihn wieder zurückziehen, doch er entriss sich jeglicher Kontrolle meines Bewußtseins und strebte weiter seinem Ziel zu. Und so vergingen unendlich lange Sekunden bis meine Finger über seine vom Nebel befeuchtete Haut strichen. Obwohl sie kalt und rauh war, erschien sie mir doch so warm. Und ein noch nie gespürtes Gefühl durchlief meine Adern und berührte meinen Geist...

Hier war ich nun! Gebannt von ihrer Seele, kniete ich vor ihr. Ich bemerkte nicht, wie sich langsam ihr Arm erhob und halb zurückweichend sich in meine Richtung bewegte. Doch dann spürte ich, wie er durch den Schutzwall meiner mich bedeckenden Haare drang und vorsichtig meine Haut berührte. In dem Augenblicke, wo sich die Kälte unserer Leiber trafen, durchfloss mich ein so unendlich vermißtes Gefühl! Bilder zuckten durch meinen Kopf. Bilder des Schreckens und des Leides ereilten mich in diesen Augenblick des stummen Trauerglückes und liessen mich zurück zucken. Ich war den Schmerz anderer in meinem Geist schon lange gewöhnt, doch übergoss mich mit dieser Berührung neues Leid!
Ich kannte sie nicht, habe noch nicht einmal ein Wort mit diesen faszinierenden Wesen gewechselt und schon bringt mich eine einzige Berührung ihr so nahe? WAS war das? Träumte ich ein weiteres mal? Sind die letzten Stunden auch nicht mehr als eine weitere Ausgeburt puren Wahns gewesen?
Für sie unmerklich kniff ich mich und der stechende Schmerz, der von der bereits wunden Haut nur weiter verstärkt wurde, kroch langsam durch meine Nerven und verbreitete seine Pein. Nein, dies war weder Traum noch Wahn! Und ohne ein Zeichen der Freude erahnen zu lassen, erhob ich langsam meine Hand und strich zurückhaltend über ihre zitternde Haut. Ihre Wange war von Röte durchdrängt und ihre Lippen waren schon ganz blass und blau als ich zärtlich über sie strich. Doch dann erhob ein widerwilliger Ruck ihren Körper und riss ihre Hand von meiner Wange. Taumelnd sah ich sie weglaufen und was blieb war Verzweiflung und Selbsthass.
Stumm sah ich ihr hinterher und spürte wie etwas in mir starb. War es mein Herz? Ich weiß es nicht, denn reiner Hass erfüllte mich! Hass der in seiner Größe all die Verzweiflung des Verlusten übertraf und mich in körperliche Starre bannte! Es war der Hass auf mich selbst, dass ich sie verlor...

Ich hasste mich für das was ich tat! Ich lief weg vor ihm, dem ich mich doch so nahe fühlte! Ich wollte umkehren und seine rauhe Haut ein weiteres mal spüren! Wollte von seiner warmen Kälte durchströmt werden und seine Nähe wieder spürend, in seine wunderschönen Augen schauen! Noch immer spürte ich auf meiner Wange seine Berührung! Noch immer durchströmte heises Blut meine von ihm berührten Lippen. Was trieb mich von ihm fort? Da ich mich selbst nicht von meiner Flucht abbringen konnte, wirrten meine Gedanken nur um diese eine lebenserfüllente Frage!
Ich spürte wieder seine Augen, wie sie auf mir ruhten und auf Schlag wurde mir alles klar! Ich glaubte, mich endlich von allen Illusionen befreit zu haben und mir nun in dieser neuen Realität endlich helfen zu können.
Doch als ich ihm erblickte zerriß eine weitere Illusion in meinen Leben. Die Illusion, dass ich mir helfen könnte. Schon viele Male vor dieser Begegnung schrie ich laut um Hilfe. Ungezählte Male schrie ich stumm in Seelenqualen oder in der Stimme manifestiert nach Erlösung! Und ich wußte, dass sie mir nicht zu teil werden konnte.
Doch dann spürte ich seine Blicke auf meiner Seele ruhend und hörte die Mauer der provozierten Wegstoßung zerbersten. Und ich hatte unendliche unbewußte Angst.
Wie konnte ein Wesen existieren, dass hinter all die falschen Wünsche zu blicken vermag und das sieht, was wir vom Gewünschten, selbst mit gehasster Angst betrachten? Er konnte nicht mehr besitzen als seine bloße Existenz...
Doch nun, da ich mir meiner Angst bewußt war, spürte ich etwas weiteres: Ohnmacht! Ich fühlte mich nicht gewachsen umzudrehen und seine nie angebotene Hilfe anzunehmen. Seine ganze Existenz war zu viel für mich und doch alles, was ich besaß.
Und da mir meine Angst das letzte nahm, was ich noch besaß, beschloß ich mein Todesurteil. Wenn ich Angst vor dem Leben besaß und mir selbst jegliches Leben verwehrte, so war es sinnlos, etwas anderes fortzuführen. Und ich speerte meinen Geist in eine dumpfe Besinnungslosigkeit, als ich zu dem Ort meines Ausbruches zurückkehrte und in der grauen Masse verschwand. Nur Bruchstückhaft nahm ich war, wie ich die Glieder umherwerfend mich durch die wallende Masse meiner "alten Freunde" bahnte. Provokativ rempelte ich gegen irgendwelche Typen und drückte meinen Leib so nah an ihre widerlichen Körper bis ich ihre Erregung spürte. Langsam lies ich dann meine Hände über ihre Körper gleiten und unbemerkt durchsuchte ich ihre Taschen. Ich wiederholte dieses, mich mit Selbstekel erfüllendes Spiel, bis ich eine Handvoll Tabletten fand.
Ich wußte nicht einmal, was ich da eigentlich gestohlen hatte, doch es war mir egal, als ich mich langsam in Richtung Toilette vorarbeitete.
Wie ein unglaublich lauter Schlag hämmerte das Schließen des Türschlosses einer Toilettenkabine durch meinen Schädel. Kraftlos saß ich dort und betrachtete nur kurz die seltsamen Lebenserlöser in meiner Hand. Sofort darauf legte ich sie mir alle in den Mund und würgte sie ohne Widerwehr hinunter. Zwar spürte ich noch, wie die giftigen Chemikalien durch meinen Körper flossen, doch der harte Aufschlag meines Kopfes gegen die Wand, war das letzte Wahrnehmbare meines verhassten Leben. Und mit einem Lächeln auf dem Gesicht verbog sich mein Körper, unter den dienstversagenden Muskeln, unmenschlich und lies nun endlich meine Seele fahren...

Noch immer kniete ich an diesem Orte. Stumm zog mein Geist wirre Bahnen und wollte IHR folgen! Doch er fühlte, wie etwas zerriss und ihm entglitt. Das unverdrängbare Gefühl des ewgen Verlusten warf ihn von einem Wirren in das nächste.
Wovor hatte sie Angst gehabt? Die Berührung? Vor mir? Was hatte ich an mir, dass Menschen mich fürchteten? Was klebte an mir, dass andere vor mir zurückweichen und aus ihren Mäulern nur dumpfe verletzende Worte entkommen lies? Schon unzählige Male stand ich vor dem Spiegel und sah die reflektierten Lichtstrahlen meiner Selbst. Rein gar nichts war anderst an mir. Ich hätte Hände, Füße, Augen, Haare und all das andere, was auch sie hatten. Was machte mich so anderst, dass selbst jeder verzweifelte Anpassungsversuch vernichtend Ignoriert wurde?
Sie konnten meine abgrundtiefe Gedankenwelt nicht einmal erahnen und selbst wenn sie viele Jahre kraftvoller Anstrengungen aufbringen würde, so würden sie es doch niemals schaffen, sie auch nur zu umreißen.
Und langsam wurde mir mein viel gepriesenes Mysterium klar! Ich verdammte mein Sein und all sein vielumjubeldes Schaffen!
Was nützen all die Lobpreisungen, wenn man für diese verfluchte Gabe mit seinem Leben bezahlt? Wirr überschlugen sich meine Gedanken und nahmen ihren unheilvollen Lauf. Und in unglaublichen Höhenflügen, tiefsten Erkenntnisses besiegelten sie mein Leben.
In all dieser Verzweiflung verlor ich das erste mal seid vielen Jahren die Beherrschung über den kranken Leib und ein Schrei der absoluten Verachtung entrang meiner Kehle und bäumte sich wie ein Damokles-Schwert über mich auf! Sein klang war grell und schmerzend. Ich glaubte erkennen zu können, wie er die Nebel der Nacht durchschnitt und an andere stumme Ohren drang, die sich sofort darauf verschloßen! Und mit entsetzen mußte ich fühlen, wie er zurückkam und durch mein Ohr in mich drang und den verhaßten Augenblick herbei brachte.
Ich hatte ihn schon einmal erlebt. Der Augenblick unendlichster Verzweiflung, wo die Todessehnsucht über den widrigen Lebenswillen siegt. In diesen Moment unbeschreiblicher Emotionen verlor dir Logik ihren Sinn und das Wirkungsgefüge seine Bahnen. Es spielte keine Rolle mehr, ob es Wesen gab, die um mich trauerten oder mich gar vermißten. Irrelevant die Tränen, die wegen mir vergossen würden. Und mit einem stummen erlösenden Lächeln verschwand meine Bedeutung für andere Wesen. Sollten sie mir doch folgen!
So war der Gedanke gefaßt und nicht einmal die mit Blut vermischten Tränen, die sich in ihrer Kälte so unendlich warm über die alte Haut ergossen, brachten stilles Trauerglück. Sie benetzten die kalte Klinge, die ich mit zitternden Händen aus meinem Mantel zog.
Stets war sie mein Begleiter, um mich aus der Verzweiflung zu erretten. Nun sollte sie ihrer Bestimmung nachkommen und so zog ich sie langsam und mit festem Drucke über meine Arme. Und als ich spürte, wie aus den Riß des Körpermantels, sich langsam und dann immer schneller das rote Lebensquell ergoß, musste ich ein letztes Mal lächeln. Kraftlos liess ich mich zurücksinken und mein Kopf schlug kaum noch spürbar gegen die Bank, auf dem soeben noch das geliebte Wesen weilte. Und so entschwand ich langsam dieser Welt. Nur das Gefühl des warmen, sich schwarz färbenden Blutes, dass sich als kleiner Rinnsal über meine Arme schlängelte und meine Kleidung durchdrängte, begleitete mich in die Welt, in der ich schon seid Ungedenken lebe...

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Ein helles Licht blendete mich und für einen kurzen Augenblick geriet ich in Zweifel. Sollte ich, Torsten, der viel umpriese Geist nun vor den niemals bewahrheiteten "Schöpfer" treten? Nein! Zu absurd war es, dass all diese Fantastereien, die meinen eigenen Glauben bei weitem übertraffen, "real" sein könnten. Doch ein stiller Zweifeln blieb, selbst als ich erkennen musste, dass dies leider nicht der letzte Augenblick geistiger Befreiung war!
Mein Blick war unklar und jeder Lichtstrahl verstärkte nur noch die unendlichen Kopfschmerzen, die hämmernd meinen Schädel von innen heraus zum zerbersten bringen wollten. Die Umgebung war so menschenunwürdig, so steril! Mehr kraftlos als willenlich gesteuert lies ich meinen Kopf zur Seite fallen und erblickte einen Greis, der zugedeckt in einem Bette lag. Er schien dem Tod so nahe und doch hielten ihn verhaßte Aparaturen hier.
Doch wo war hier? Mit einen unglaublichen Schmerz, der seinen Ursprung in den Untiefen meines blutend Herzens fand, verschwand die dumpfe Benebelung und klarer als je zu vor, begriff mein Geist! Mein Versuch dem Leben zu entrinnen schien nicht geglückt zu sein und als ich meine schmerzenden Arme betrachten wollte, verrieten mir kleine blaue Punkte von Injektionsnadeln, dass ich mich in einem Krankenhaus befand.
Doch warum war ich erwacht? Welche Macht war so groß, meinen Todeswillen zu überwinden? Und ein weiterer Schmerz lies mich laut schreiend zusammen zucken!
Nun war es mir endlich klar! SIE war es! Eine unglaubliche Gelassenheit gepaart mit dem scheinbar erfüllten Wunsch der verschwindenden Einsamkeit hielt mich hier. Und so kehrte eine längst vergessene Kraft in meinen geschändeten Körper und ohne weiteren Schmerz riss ich die Schläuche aus meiner Haut und stellte mich auf die wackligen Beine.
Festen Schrittes torkelte ich in Richtung Tür! Musste hinaus! In einem steigernden Verlangen riss ich die Tür auf und stürmte mehr als ich ging hinaus in den Flur.
Wirr sah ich mich um. Grelles und helles Licht trübte meine Augen. Lange stumme Korridore verhüllten das menschliche Elend, dass hier gesammelt wurde. Doch etwas zog mich hinfort und ohne den gerinsten Widerstand zu leisten, folgte ich dieser Intuition. Rechts und Links von mir stand aufgebäumt der kahle Beton und ab und zu lies eine geöffnete Tür in eine andere Welt des Leidens sehen. Erst jetzt nahm ich all diese Belanglosigkeiten war und ahnte welch Qualen mein Körper jetzt erleiden musste.
Doch es gab wichtigeres als diese niedren Verlangen und genau dies zog mich voran. Schnaufend rempelte ich einen Pfleger um, der mich dazu bewegen wollte wieder umzukehren. Keuchend erklomm ich die Treppe hinauf in die nächste Etage. Hecheln flacher Atmung füllte mein Ohr, doch auf einmal war alles zu Ende. Ohne Luft zu holen sah ich auf. Eine graue Tür erschien genau vor mir und ich ergriff die silbernde Klinke, als sei es ein Gigant eines Portals und drückte sie mit aller Kraft hinunter! Mit einer letzten sich aufbäumenden Kraft riß ich die Tür auf und blickte ins fahl beleuchtete Zimmer. In das leere Zimmer... Und mit Tränen der Enttäuschung in den Augen wandte ich mich ab....

Etwas lies mich aus dem Tode erwachen und mit Schrecken stellte ich fest, dass diese herbeigesehnte Wunsch nicht in Erfüllung gegangen war! Nichteinmal der reine Hass auf sich und seine Taten konnten richten? Unmöglich! Was war das nur für eine abscheuliche Welt? Erfüllt von Wut sprang ich aus meinem Bett und bemerkte erst durch viele stechende Schmerzen, dass ich an Schläue und Kabel gebunden war.
Unter all dem Hass hatte ich nicht ein mal gemerkt, wo ich mich befand. Stumm sahen meine Augen aus einen dreckigen Fenster und mein Geist begriff, dass er sich in einer Zellen eines Krankenheilortes befand.
Doch etwas anderes bewegte ihn. Aus den tiefen meines Herzens erfaßte mich ein Gefühl, dass meinen Körper augenblicklich ergriff und herum riß. Und da stand ER! Im fahlen Lichte glänzte seine Krankenkleidung matt und umhüllte seinen kränklichen und doch vor Kraft strotzenden Körper.
Doch warum hatte er sich von mir abgewandt? Spürte er mich nicht, wie ich aus der versteckten Nische dieses Zimmers hervortrat?
Bittere Enttäuschung erfüllte mich sogleich und die Todessucht kam erneut. Und in letzter Verzweiflung trat ein einziger Wunsch in mir hervor. Dreh dich um! Wenn du mich wirklich spüren kannst, so verbindet uns etwas, dass nie wieder getrennt werden soll! Und eine stumme Träne rollte über mein Gesicht, als ich sah was ER tat...

Ein Schritt nach vorne war getan. Ein zweiter folgte! Ich wollte weg von dieser letzten Enttäuschung, weg von dieser Täuschung! Wie konnte ich nur solch Illusion erlegen sein? Und warum kehrte sie wieder? Warum erfüllte sich mich ein erneutes Male und quälte mich? Ein letztes mal nur wollte ich mich noch umdrehen, bevor ich einen weiteren Versuch unternehmen wollte, vom leben zu scheiden.
Doch voll von entsetztem Glücke sah ich SIE dort stehen! Ich sah, wie eine Träne über ihre Wange lief und in bannenden Glück verweilte ich in körperlicher Starre. Mein Geist entriss sich seinen wirren Bahnen und erkannte in ihr, dass was er sich so sehr wünschte. Und ein Ruck riss mich los und lies mich langsam auf sie zu bewegen. Atemlos nährte ich mich ihr und in glücksumwogender Trance spürte ich, wie meine Hand, das kleine Nass von ihrer Wange wischte. Wie im Traum schloss ich meine Augen und unendliche Sekunden später spürte ich ihre Lippen...

So fand ich mein neues Leben. Am Ort des Lebensende war ich ihm begegnet. Am Ort der Lebensverlängerung waren WIR auferstanden. Und hier schworen wir mit Stummheit unsere Verbundenheit. Den erst als ich spürte, dass seine Lippen nicht nur die meinen küssten, sondern das sie auch die tiefen meiner Seele berührte war mir klar, wer von nun an mein Leben sein würde! Und jenseits körperlicher Triebe nutzen wir unsere Leiber, um die untrennliche Verbundenheit unserer Seele in die Ewigkeiten zu festign. Jede Berührung unserer Körper berührte uns dort, wo wir vereint waren und lies uns unser leibliches Leben ertragen. Nie haben wir ein Wort gesprochen, stets konnten wir fühlen, was den anderen Bewegte. Und so entstand etwas, dass sich nicht mehr trennen läßt. Und dieses Etwas sind wir...