Vergebung
 

Ich hatte einige Mühen aufgebracht, um eine mich erfreuende Reise anzutreten. Wie jedesmal waren die Züge end und stickig.
Aus mir bekannten Gründen mieden alle Reisenden meine Nähe, so dass selbst im engsten Abteil noch immer ein großer Abstand um mich herum war. Nach ein paar Jahren hatte ich mich an diesen Bannkreis gewöhnt, obgleich er mich noch immer tief betrübte.
Doch heute war etwas anders. Ich sah zur Seite und blickte in ein mir unbekanntes Antlitz. Es war ein Mann der mich unverhohlen anstarrte...
Im ersten Moment war ich verwirrt. Wie konnte er es wagen, sich über die allgemeingültigen Gesetze meines Ausschlusses zu erheben und mir einen Hauch von Beachtung schenken? Ein direkter Blick in meine Augen war in meinem Leben zu einer Seltenheit geworden! Und nun dies!
Ich mußte herausfinden, ob es sich um eine pure Treistigkeit oder Dummheit handelte und betrachtete ihn näher. Er war keine Schönheit. Schlecht rassiert, aber mit gewaschenen Haar. Sein Gesicht zierrten viele Unebenheiten, ein paar Narben, einige Rötungen und etliche sogenannte "Sandkörner" um die Augen. Diese zu entfernen würde ihm einmal äußersten Schmerz zufügen, dachte ich mit einem verlegenen Lächeln...
Doch das er mein Lächeln mit einem breiten Grinsen beantwortete, versetzte mich in Angst. War dies der selbe Hohn wie von allen anderen Hatte ich mich so sehr in ihm getäuscht? Das kann nicht sein!
Ich sah nocheinmal hin und wie erwartet, war sein Gesicht ohne jegliche Regung.
Der Gedanke, dass er anders sein könnte, reizte mich. Ich suchte seinen Blick und sah tief in seine Augen. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Irgendetwas an ihm war nahezu dämonisch. Denoch konnte ich mich nicht von ihm abwenden und war erleichtert, wenn durch ungünstigen Lichtverhältnisse seine Augen zu schwarzer Leere wurden.
Was mochte er wohl denken? Ich versuchte es zu ergründen, doch es gelang mir nicht. Je länger ich in seine Augen sah, desto tiefer drang ich in seine Seele vor.
Schmerzverzerrte Bilder streiften mich und drängten ein paar Tränen aus meinen Augen, während im Hindergrund die Welt an uns vorbei zog. Die verachtenden Menschen waren in absoluter Bedeutungslosigkeit verschwunden und es schien, als existierten nur noch wir beide. Ein Gefühl der Nähe beschlich mich und obwohl ich wußte, dass ich mich irrte und wir Unendlichkeiten von einander entfernt waren, küßte ich ihn in einem Akt der Vergebung und ging.
Das Fenster war hart und kalt.